Schwerhörigengottesdienst in der Kreuzkirche in Reutlingen am 19.03.2006
Am 19. März 2006 fand in der evangelischen Kreuzkirche in Reutlingen ein Schwerhörigengottesdienst statt.  Der Gottesdienst wurde von Frau Rosemarie Muth, Reutlingen, Pfarrerin der evangelischen Schwerhörigen-Seelsorge der Landeskirche Württemberg und Herrn Ziegler, Pfarrer der evangelischen Kreuzkirche in Reutlingen, organisiert und durchgeführt.

Ihnen stand das Team von Frau Pfarrerin Rosemarie Muth zur Seite. Man muss vorausschicken, dass einige der Teammitglieder sehr weite Wege in Kauf nehmen. Sie kommen aus Reutlingen, Hemmingen, Aidlingen, Plochingen, Endersbach, Schorndorf und aus dem Stuttgarter Raum.

Dieser Gottesdienst war speziell auf die Schwerhörigen und Ertaubten zugeschnitten. Das Gesprochene wurde wie üblich mit einem Beamer an die Wand gestrahlt, so dass jeder es noch einmal nachlesen konnte. Die Dolmetscherin, Frau Mira Rodriguez aus Pforzheim, übersetzte das Ganze in lautsprach-begleitende Gebärden (LBG).

Auch einige FISCHE vom Waiblinger Schwerhörigen- und Ertaubtenverein waren gekommen sowie Gemeindemitglieder der evangelischen Kreuzkirche Reutlingen. In dem Gottesdienstteam waren eingebunden: Frau und Herr Dippon, Frau Keltsch-Hermann, Frau Matysiak, Frau Neudahm, Frau Schauffler, Frau Schomberg, Frau und Herr Strobel und Frau Vögele.

Auch beteiligten sich vom Bruderhaus Diakonie Reutlingen – Stiftung Gustav Werner und Haus am Berg – Herr Gebhart, Herr Rathfelder und Herr Winner. Sie gehörten zum Team der Pfarrerin Frau Pilgrim. Frau Pilgrim arbeitet als Pfarrerin im Pflege- und Behindertenheim des Bruderhauses der Diakonie Reutlingen.

Herr Pfarrer Ziegler begrüßte die Schwerhörigen und Ertaubten sowie die Kirchenbesucher seiner Gemeinde herzlich. In der Predigt ging es um Behinderungen von Menschen und um das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Behinderungen können sein: Schwerhörigkeit, Taubheit oder andere körperliche und geistige Behinderungen.

Nun ein Ausschnitt der Predigt von Frau Pfarrerin Muth:

Paulus vergleicht in seinem Brief an die Korinther die Gemeinde mit einem Körper. Mit einem Körper, an dem alle Glieder gleich wichtig sind. Den Schwerhörigen sieht man die Behinderung nicht sofort an. Erst in einem Gespräch fällt das Problem auf.

Viele Menschen trauen sich nicht, auf geistig behinderte Menschen zuzugehen und wissen nicht, dass man mit ihnen ganz normal sprechen kann. Sie können in der Gemeinde mitarbeiten, aber oft werden sie nur als Klotz am Bein wahrgenommen. Leider erleben wir auf allen Ebenen in unserer Welt, dass alles perfekt sein muss. Nur dann ist es richtig.

Das spüren z. B. auch die Eltern, die ein behindertes Kind zur Welt bringen. Ihnen wird gesagt: Das muss doch heute nicht mehr sein, das kann man wegmachen.

Oder in der Arbeitswelt: Wer nicht 160%ige Leistung bringt, wird aussortiert. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Woher kommt das? Ganz tief steckt dahinter unsere Sehnsucht nach dem Paradies, nach dem Ganz- und Heilsein. Wir leben nicht mehr im Paradies. Und so akzeptieren wir keine Unvollkommenheit, weder bei uns, noch bei anderen.

Doch Gott hat uns unterschiedlich geschaffen, mit verschiedenen Gaben, Fähigkeiten, Behinderungen oder Macken. Oft genug entscheiden wir Menschen aber darüber, was oder wer taugt und wer nicht.

Paulus sagt jedoch, alle sind wichtig, egal, wie sie sind. Etwas Gutes kann nur dann entstehen, wenn alle zusammenarbeiten und zusammen helfen. Wir müssen uns klar darüber sein, auf was wir verzichten, wenn wir andere ausgrenzen. Ganz sind wir nur, wenn alle ihre Fähigkeiten einbringen, auch die, die wir „schwach“ nennen.

Stellen wir uns einmal vor, eine Gemeinde will ein Fest feiern. Zuerst muss einer überhaupt mal die Idee haben und versuchen, Leute dafür zu gewinnen. Nur wenn es ihm im Herzen wichtig ist, springt der Funke über.

Das allein reicht aber nicht. Für ein Fest sind tausend Hände nötig, die die Idee aufnehmen, überlegen, austüfteln, organisieren und alles bis ins Letzte planen. Oft habe ich erlebt, dass da Leute waren, die wunderbar organisieren und planen konnten, aber am Ende war niemand da, der mit angepackt hätte. Ohne Schultern, die mittragen und auch Sachen auf sich nehmen, die den anderen zu viel oder zu mühsam sind, geht es nicht.

Es sind auch Leute wichtig, die mal quer denken, die einfach so rum spinnen und neue Ideen entwickeln, die leichtfüßig über mögliche Hindernisse hinweggehen und sagen: Das klappt schon. Ohne sie bliebe alles beim Alten.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir Menschen brauchen, die auf die leiseren Töne achten.

Wir brauchen auch Menschen, die einen guten Riecher haben, eine Nase für das Programm, die wissen, was gut ankommt und durchführbar ist.

Wenn das Fest beginnt, sind Leute wichtig, die alle Gäste mit offenen Armen empfangen. Menschen, die anderen das Gefühl geben können, dass sie willkommen sind. Ohne Vorurteile.

Jetzt kommt auch noch der oder die, die durch das Programm führen. Meist wird nur dieser Mensch gesehen und er oder sie bekommt alles Lob. Er oder sie ist zwar tatsächlich wichtig, aber nicht wichtiger als alle anderen.

Nun sehen wir, der Leib ist fertig und mit Leben gefüllt. Wo vorher nur ein schemenhafter Umriss war, ist etwas ganz besonderes entstanden. Eine Gemeinde, die zusammenhält und miteinander lebt. So erfüllt sich ein Stück weit auch unsere Sehnsucht nach dem Ganzen, nach dem Heilen, nach dem Paradies.

Aber das, was die Gemeinde mit ihren vielen verschiedenen Menschen, ihren Eigenheiten, Fähigkeiten und Macken zusammenhält, das ist die Liebe Christi zu den Menschen. Jeder und jede Einzelne von uns ist Gottes Ebenbild, ob schwerhörig oder gehörlos, körperlich oder geistig behindert, genau wie die so genannten Nichtbehinderten oder „Gesunden.“

Gott spricht uns unseren Lebenswert und unsere Würde zu und darum haben wir auch keinerlei Recht, sie einander abzusprechen.

Nach dem Gottesdienst wurden an alle Gottesdienstbesucher Tonscherben mit verschiedenen Gliedern des Körpers als Symbol ausgehändigt, als Zeichen dafür, dass die Gemeinde den Körper darstellt, an dem alle Glieder wichtig sind.

Im Gemeindehaus der evangelischen Kreuzkirche war dann der Mittagstisch für alle gedeckt. Wir ließen es uns wohl schmecken und tauschten unsere Erfahrungen aus. So waren Guthörende und Schwerhörige an einem Tisch in Eintracht beisammen.

Nach dem Mittagessen hatten wir eine Führung im Bruderhaus der Diakonie Reutlingen. Die Stiftung ist nach dem Vikar Gustav Werner benannt, der von 1809 bis 1887 segensreich wirkte. Wie kein anderer Diakoniker seiner Zeit schaffte es Gustav Werner, christliche Nächstenliebe mit wirtschaftlichem Denken und Handeln zu verbinden. Für ihn bedeutete das biblische Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Er wollte den Menschen zu einem würdigen Leben verhelfen, indem er ihnen entsprechend ihren Fähigkeiten Arbeit in Fabriken gab und Ausbildungen ermöglichte.

Durch eigene Fabrikgründungen erhoffte sich Werner, seinem Werk der Nächstenliebe eine ökonomische Basis geben zu können. Mit dem Gewinn sollte der Unterhalt und die Erziehung für Waisen, Obdachlose und behinderte Menschen finanziert werden.

Ein Einzelner ist mit diesem Anliegen freilich überfordert. Gustav Werner hatte zeitlebens einen großen Kreis von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern und Freunden. Vor allem Frauen haben ihn und sein Werk unterstützt. Das ist heute nicht anders. Diakonische Arbeit braucht motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, braucht Menschen in der Gemeinde, die Unterstützung bieten, und sie braucht eine Gesellschaft, die sich der Nöte Benachteiligter annimmt. Gustav Werner hat überall gepredigt.

Seit 2002 arbeitet die Gustav Werner Stiftung mit der „Haus am Berg GmbH“ zusammen. Seit Januar 2004 fusionieren die beiden Sozialunternehmen unter dem Namen „BruderhausDiakonie“. Heute ist die BruderhausDiakonie ein wohnortsnaher regionaler Sozialdienstleister in Baden-Württemberg – mit Menschen für Menschen! Insgesamt betreuen und begleiten 3.500 Mitarbeitende 9.000 Menschen in 14 Landkreisen Baden-Württembergs.

Auf dem Gaisbühl-Gelände der BruderhausDiakonie, Reutlingen, befinden sich 4 Einrichtungen:

•  Altenhilfe – Behindertenhilfe – Jugendhilfe und Sozialpsychiatrie

Nach der Besichtigung der BruderhausDiakonie ging es wieder zurück zum Gemeindehaus. Dort erwartete uns der duftende Kaffee mit einer Auswahl an Torten und Kuchengebäck.

Alles in allem war es ein schöner und gelungener Tag. Allen Mitwirkenden möchten wir auf diese Weise herzlich für ihr Engagement und für ihre selbstlose Mitarbeit danken.

Ursula Schomberg