Mein Weg zum und mit CI

Mein Name ist Christa Kramer und ich bin 61 Jahre alt. Meine Schwerhörigkeit begann, als ich 34 Jahre alt war, auf dem rechten Ohr.

Ich bemerkte es beim Fernsehen. Der HNO-Arzt konnte zunächst keine große Verschlechterung feststellen. Es schwankte auch, mal war es besser, mal schlechter. Doch schon nach kurzer Zeit wurde es merklich weniger und war auch auf dem Audiogramm deutlich zu sehen. Es wurden alle möglichen Untersuchungen gestartet. Doch es ließ sich nicht feststellen, woher das Nachlassen des Gehörs kam.

Es ist eine Innenohrerkrankung sagte man mir. Bald bekam ich mein erstes Hörgerät. Ich versteckte es schön unter den Haaren, dass es ja niemand sehen sollte. Nach circa 5 Jahren war ich auf dem Ohr so gut wie taub und ein Hörgerät brachte nichts mehr. Gleichzeitig stellte man fest, dass auch das linke Ohr schlechter wurde und ich bekam links ein Hörgerät verpasst. Alle Krankenhausaufenthalte, Medikamente und Infusionen halfen nichts. Es ging immer mehr bergab.

Inzwischen versteckte ich mein Hörgerät auch nicht mehr. Im Gegenteil, ich ließ mir ein buntes Passstück machen. Man merkte es ja sowieso sofort, wenn man mich ansprach. Es war eine sehr schwere Zeit für mich. An meinem Arbeitsplatz wurden die Probleme ständig größer. Ich war auf einer Bank beschäftigt. Telefonieren ging nicht mehr. An Schulungen teilnehmen war trotz aller möglichen Hilfsmittel nicht mehr möglich. Ich zog mich immer mehr zurück, war froh, wenn mich niemand ansprach und niemand etwas von mir wollte. So vereinsamte ich zunehmend.

Ich begab mich auf die Suche nach Menschen, die mit derselben Behinderung zu tun hatten. So bin ich nach einiger Zeit auf den Schwerhörigenverein FISCHE in Waiblingen gestoßen. Es tat gut, mit Leuten zusammen zu sein, die alle mehr oder weniger mit demselben Problem zu kämpfen hatten. Bei einer dieser Leute, Marlies Vögele, erlernte ich die Gebärdensprache. Doch sie nützte mir nicht sehr viel, denn mein Umfeld, ja nicht einmal meine Familie, außer den Enkelkindern, waren bereit, Gebärdensprache zu erlernen.

Eines Tages landete ich mal wieder in der Uniklinik in Tübingen. Da hörte ich zum ersten Mal von einem Cochlear-Implantat. Mein Ohrenarzt hatte nie davon gesprochen, wusste vielleicht gar nicht, dass es so etwas gab. Ich befasste mich damit und die Ärztin meinte, ich solle doch gleich eine Voruntersuchung machen lassen. Ja, nun war die Frage, auf welchem Ohr. Für mich war eigentlich klar – wenn ein CI, dann nur auf dem ertaubten Ohr. Also machte man den Test rechts. Der Chefarzt war nicht damit zufrieden, versprach sich von einer OP wenig Erfolg und wollte mich links operieren. Damit war ich nicht einverstanden. Ich sagte mir, wenn das schief läuft, ist auch mein Restgehör zerstört. Also war die Sache zunächst vom Tisch.

Inzwischen hatten von unserem Verein drei Personen ein CI und bei allen war es ein Erfolg. Eine schon ältere Dame meinte, ich solle doch mal nach Freiburg gehen (sie wurde dort operiert). Die könnten mir bestimmt helfen. Gut, ich hatte inzwischen, es waren wieder fast 5 Jahre seit der Untersuchung in Tübingen vergangen, nicht mehr viel zu verlieren. Es war so gut wie kein Sprachverständnis mehr da. Also nahm ich Kontakt zu der Uniklinik in Freiburg auf und bekam auch bald einen Voruntersuchungstermin. Nach Einsicht in meine mitgebrachten Arztberichte machten die Ärzte alle ein bedenkliches Gesicht und bezweifelten, dass die OP auf dem rechten Ohr gemacht werden kann.

Es waren ja auch inzwischen 15 Jahre vergangen, seit meiner Ertaubung. In der Klinik hörte ich auch zum ersten Mal, dass ich beidseitig Otosklerose habe. Ja, da staunt man schon, dass man das erst nach so vielen Jahren Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte einmal gesagt bekommt. Otosklerose führt zu einer Verknöcherung des Steigbügels. Wenn sie zu weit fortgeschritten ist, ist eine CI-Operation nicht mehr möglich.

Der Tag des Promotoriumstests - gezielte Untersuchung der Cochlea und des Hörnervs - kam. Ich war sehr aufgeregt. Er verlief ganz anders als der in Tübingen. Ich konnte die verschiedenen Töne hören und Höhen und Tiefen unterscheiden. Als ich dann am Ende fragte, wie denn nun die Aussichten wären, sagte man mir: „Gut, man kann operieren.“ Ich machte fast einen Luftsprung. Man stelle sich das vor, ein Nein vor Jahren und jetzt ein Ja und das auf dem rechten Ohr. Ich war überglücklich. Es galt allerdings noch eine Hürde zu überwinden. Man musste durch eine Kernspintomographie feststellen, wie weit die Otosklerose schon fortgeschritten war.

Kurzum, ich bekam meinen OP-Termin und davor sollte das Stadium der Erkrankung noch abgeklärt werden. Bis zu diesem Termin waren es aber noch 5 Monate. Ich begann alle möglichen Berichte von CI-Operierten zu sammeln. Viele Fragen tauchten auf. Vor allem hatte ich Angst, dass sich mein Schwindel, den ich seit 1998 mal mehr, mal weniger hatte, durch die Operation verstärkt. Es war schon so gewesen, dass ich mich nicht mehr getraute, selbst Auto zu fahren. Was, wenn das noch schlimmer ist nachher?

Doch keiner konnte mir darauf eine klare Antwort geben. Auch die Ärzte in Freiburg nicht. Sie wollten schon, anhand meiner vielen Zweifel und Ängste die OP verschieben. Doch das wollte ich auf keinen Fall. Also fand ich mich am 29.09.2003 zur Aufnahme in der Klinik ein. Die Kernspintomographie ergab, dass eine Operation möglich ist. Tags darauf wurde ich operiert.

Als ich im Aufwachraum so langsam zu mir kam, testete ich zuerst mal das Bild an der Wand. Es hing ruhig da und bewegte sich nicht, ergo kein Schwindel. Der Geschmack im Mund war auch nicht nach Eisen, sondern normal. Toll! Am Abend schmeckte mir schon das Essen und ich durfte auch schon auf die Toilette. Nach 4 Tagen wurde ich entlassen und fühlte mich auch ganz gut.

Nun begann wieder eine Wartezeit bis zur Anpassung und bis man endlich sagen konnte, in wie weit die Operation ein Erfolg war. Endlich war der 01.12.2003 da und es ging wieder nach Freiburg. Der Techniker, Herr Roth, klärte mich auf. Ich dürfe nicht erschrecken, denn es würde wahrscheinlich ganz schrecklich für mich klingen und ich würde auch kaum etwas verstehen. Also: Es machte klick und ich wurde gefragt, wie es sich denn anhöre.

Herr Roth, sagte ich, ich verstehe jedes Wort! Ganz misstrauisch schaute er mich an und ich merkte, dass er mir nicht glaubte. Er dachte, ich lese vom Mund ab. Ich drehte mich um und er sagte Zahlen. Wie aus der Pistole geschossen, sprach ich sie nach. Es war unglaublich, sowohl für mich als auch für den Techniker. Er meinte, das ist nicht normal. Wie ich mich fühlte, kann ich kaum beschreiben. Es war das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich je bekam. Anpassung und sofort alles verstehen – das ist wirklich die Ausnahme. Gut, die Stimmen konnte ich am Anfang nicht unterscheiden. Alles klang wie Männerstimmen. Zu Hause probierte ich bald das Telefonieren und auch das klappte relativ gut.

Ich fühlte mich wie neu geboren. Es war ein unglaubliches Gefühl, wieder kommunizieren zu können, wieder verstehen zu können. Ich weiß noch, wie ich kurz nach Weihnachten zum ersten Mal die Türklingel als Türklingel vernahm, nämlich melodisch. Zuvor war es nur ein Krächzen. Mit solchen Geräuschen hatte ich am Anfang Schwierigkeiten. Sie klangen noch verzerrt und scheppernd. Doch so allmählich kehrten die gewohnten Klänge zurück. Nur Musik ist leider nicht mehr Musik für mich. Bis heute nicht. Einzelne Instrumente ja, das geht einigermaßen. Ein Orchester hört sich nicht gut an. Auch wenn viele durcheinander reden, ist es für einen CI-Träger schwierig zu verstehen. Aber mit dem kann ich leben. Mit dem Tragen des Cis ist auch mein Tinnitus gänzlich verschwunden.

Ich bin unendlich dankbar, dass ich wieder teilnehmen kann an Gesprächen, an Vorträgen, an Seminaren und und und. Und ich wünsche jedem hochgradig Schwerhörigen so eine Erfahrung.

Christa Kramer